Digitalisierung als Möglichkeit, nicht als Prüfung

Unsere asbl setzt sich seit Jahren dafür ein, älteren Menschen zu helfen durch die digitale Welt zu navigieren.

Wer heute einen Arzttermin buchen, ein Zugticket kaufen oder mit den Enkelkindern Kontakt halten möchte, braucht oft ein Smartphone. Für viele Menschen ist das inzwischen selbstverständlich geworden und sie nutzen ihre Geräte mit Freude und Enthusiasmus. Wir sehen aber auf unseren SmartEvents auch die Leute, für die es sich eher anfühlt wie ein ständiger Wettlauf mit neuen Geräten, neuen Apps und neuen Regeln.

Oft hört man dabei einen Satz:
„Man muss halt mit der Zeit gehen.“

Aber stimmt das wirklich?

Forscherinnen aus der Soziologie und Altersforschung* beschäftigen sich inzwischen mit einer spannenden Frage: Was bedeutet Digitalisierung eigentlich für ältere Menschen und warum wird so schnell angenommen, dass jemand „zurückgeblieben“ ist, wenn er bestimmte Technologien nicht nutzt? Früher verband man Selbstständigkeit im Alter zum Beispiel mit selbst einkaufen können, kochen, den Haushalt führen oder mobil bleiben.

Heute kommen neue Erwartungen dazu:

– Online-Formulare ausfüllen, wenn man sich irgendwo anmelden will
– QR-Codes scannen zum Beispiel im Restaurant
– die vielen Passwörter online verwalten

Unmerklich hat sich dadurch etwas verändert:

Digitale Fähigkeiten gelten immer mehr als Zeichen dafür, ob jemand „fit“ und „selbstständig“ ist. Wer mithalten kann, gilt als modern. Wer Schwierigkeiten hat, fühlt sich schnell ausgeschlossen. Natürlich bringen digitale Technologien viele Vorteile: Man kann mit weit entfernten Familienmitgliedern sprechen, Informationen schnell finden oder Behördengänge vermeiden.

Aber digital Leben bedeutet auch dass verschiedenes im analogen Leben sich verändert:

– Fahrkartenautomaten verschwinden
– Banken schließen Schalter
– Termine gibt es nur noch online
– Briefe werden durch Apps ersetzt

Dadurch entsteht für viele Menschen ein stiller Druck:

Nicht nur dürfen sie digital werden, sie müssen. Manche sprechen deshalb inzwischen von einem „digitalen Zwang“.

GoldenMe blickt mittlerweile auf einige Jahre Erfahrung zurück und wir können mit Bestimmtheit sagen:

Nicht jede Verweigerung bedeutet automatisch Unfähigkeit. Manche Menschen verzichten bewusst auf bestimmte Technologien nicht, weil sie „zu alt“ wären, sondern weil sie gute Gründe haben.

Vielleicht:

– mögen sie persönliche Gespräche lieber als Chats,
– vertrauen sie Online-Banking nicht,
– empfinden sie ständige Erreichbarkeit als stressig,
– oder sie möchten ihr Leben einfacher halten.

Trotzdem wird schnell geurteilt:

„Der versteht das eben nicht.“

Dabei könnte man die Frage auch anders stellen:

Kann man durch Widerstand nur verlieren, oder vielleicht auch etwas gewinnen?  Das Wort „Widerstand“ klingt zunächst negativ. Aber manchmal bedeutet Widerstand einfach: bewusst entscheiden.

Wer nicht jede App nutzt, gewinnt möglicherweise:

– mehr Ruhe,
– weniger Ablenkung,
– mehr persönliche Begegnungen,
– mehr Kontrolle über die eigenen Daten,
– oder einfach das Gefühl, das eigene Leben selbst zu bestimmen.

Vielleicht geht dabei auch etwas verloren. Aber nicht alles, was analog ist, ist automatisch schlechter. Und nicht jede neue Technologie macht das Leben wirklich menschlicher.

Digitalisierung sollte eine Möglichkeit sein, keine Prüfung. Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung gar nicht darin, dass ältere Menschen „digital genug“ werden müssen.

Vielleicht sollten wir uns vielmehr fragen:

Wie gestalten wir eine Gesellschaft, in der Menschen auch ohne permanente Digitalisierung weiterhin vollständig dazugehören können?

Wir setzen uns bei GoldenMe weiterhin dafür ein, dass Menschen über 60 Hilfe erhalten mit ihren digitalen Geräten, wenn sie sie brauchen und wollen. Wir setzen uns aber auch für eine tolerante Gesellschaft ein. Dazu gehört, dass man unterschiedliche Lebensweisen anerkennt und respektiert. Auch im digitalen Zeitalter.


 

*Doing Age in a Digitized World“ von Anna Wanka und Vera Gallistl

Journal : Frontiers in Sociology

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI erstellt und redaktionell überarbeitet.